Nachgefragt

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In diesem Artikel beantworten wir noch offenen Fragen aus unserem Webinare: Hilfe! Meine Aktivierungen werden boykottiert


Wir haben derzeit in der Tagespflege nur wenige Gäste – bedingt durch Corona -, das heißt ein Auftrennen der Gruppe ist nicht mehr möglich. Wie gehe ich dann mit Streitigkeiten unter den Gästen um?“

Zunächst ein Wort der Ruhe: Streit ist ein Teil des Menschseins und ein Zeichen von Lebendigkeit. Die Vorstellung einer Gruppe, in der alle Tagesgäste (und Mitarbeiter) stets fröhlich und ausgeglichen beieinander sind, ist eine Illusion. Ich persönlich würde mich in einer solchen Gruppe auf Dauer eher gruseln. Lösen Sie sich von dem inneren Anspruch (und vielleicht auch dem Anspruch des Umfelds), eine solch „perfekte“ Gruppe herstellen zu müssen. Sie hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun.

Ich möchte Ihnen deshalb zunächst den Rat mitgeben, dass Sie bei Differenzen nicht zwangsläufig sofort intervenieren müssen. Manchmal löst sich ein Streitgespräch von alleine, wenn jeder „Dampf abgelassen“ hat – was durchaus schon mal eine Weile dauern kann. Wenn auch alte und gebrechliche Menschen ihre schlechte Laune gelegentlich sichtbar machen und aneinander austragen dürfen, gestehen wir ihnen ihre individuelle Würde zu und lassen ihnen die Möglichkeit offen, durch den (ggf. lautstarken) Ausdruck eines Gefühls von Wut, Unzufriedenheit, Aggression etc. wieder in eine ausgeglichene innere Haltung zu kommen.

Wo Sie allerdings Handlungsbedarf sehen, sollten Sie zunächst unterscheiden: Handelt es sich um eher „kleinere“ Streitigkeiten oder um regelmäßige Konflikte zwischen bestimmten Gästen?

Bei kleineren Streitigkeiten folgen Sie der in meinem Vortrag erwähnten „Annahme des guten Grundes“, aus dem die Streitigkeit entsteht. Analysieren Sie, Ihrer Empathie und Fachlichkeit folgend, die Gründe für die gereizte Stimmung: sind die betreffenden Tagesgäste z.B. an diesem Tag erschöpft oder überfordert? Sind sie an ihrem Platz nicht gut aufgehoben? Hatten Sie vielleicht vor der Ankunft in der Tagespflege ein negatives Erlebnis? Sind sie unglücklich und versuchen, sich durch (verbale) Aggression Linderung zu verschaffen?…

Atmen Sie tief durch und suchen Sie in Ihrem Herzen zunächst nach einem inneren Ruhepunkt, bevor Sie handeln (s. mein Vortrag Teil 1: innere Haltung). Sonst werden Sie in die gereizte Stimmung hineingezogen. Vielleicht gelingt es Ihnen sogar, die Situation mit einer Prise Humor zu nehmen (der nicht geringschätzig den betroffenen Personen gegenüber sein sollte).

Wenn Sie für sich Ihren inneren Ruhepunkt und eine wohlwollende Haltung den streitenden Tagesgästen gegenüber gefunden haben, sind sie auf der Fachebene handlungsfähig. Spüren Sie einfühlsam auf die verbale und nonverbale Kommunikation: welche Bedürfnisse spiegeln Ihnen die streitenden Gäste? Tauschen Sie sich ggf. kurz mit Ihren Kollegen über Ihre Wahrnehmungen aus.

Dann können Sie ausprobieren: welche Maßnahmen könnten die Streitigkeit lösen (Beispiele: Veränderung der Position im Raum, Ablenkung, individuelle Aufmerksamkeit, ein Schläfchen, eine weniger überfordernde Aufgabe, …).

Wenn Streitigkeiten allerdings zwischen den immer gleichen Gästen entstehen und zu tiefen Konflikten werden, ist eine interdisziplinäre Fallbesprechung mit grundsätzlichen Überlegungen und Entscheidungen (s. mein Vortrag) das Mittel der Wahl.

Die Klärung (und manchmal das Aushalten) von Streit ist ein essenzieller Teil unserer täglichen Arbeit. Leider kehrt er immer wieder, denn wo Menschen sich begegnen, gehört auch der Konflikt dazu. Manchmal gelingt es uns, diese Tatsache „sportlich“ zu nehmen. Manchmal empfinden wir sie aber schlichtweg als anstrengend.

Schauen Sie deshalb auch gut auf Ihre eigene Persönlichkeit: fällt es Ihnen z.B. generell schwer, Streitereien auszuhalten? Oder möchten Sie im Gegenteil am liebsten gleich mitmachen und am besten noch ein paar Teller an die Wand werfen? Auch für Ihre Gefühle, Gedanken und Verhaltensweisen gilt die „Annahme des guten Grundes“. Es lohnt sich deshalb im Zuge der Selbstpflege, den eigenen „guten Gründen“ hinterher zu spüren. So lernen Sie sich selbst besser verstehen und geraten weniger aus dem inneren Gleichgewicht, wenn ein Streit zwischen Tagesgästen entsteht.

Holen Sie sich außerdem regelmäßig Anerkennung für Ihr unermüdliches Bestreben, für die Ihnen anvertrauten Menschen ein friedliches Umfeld zu schaffen. Diese Anerkennung dürfen Sie von Kollegen und Vorgesetzten ruhig auch aktiv einfordern (z.B. „Ich brauche jetzt echt ein paar aufmunternde Worte und ein Schulterklopfen“). Wenn Sie unverhofft Lob oder Dankbarkeit von Angehörigen und den Tagesgästen bekommen, so halten Sie einen Moment inne, um das Kompliment wirklich zu hören, zu spüren und daraus Kraft zu tanken.

Die Autorin Sandra Zenz

© Foto Sandra Zenz
  • examinierte Krankenschwester, Palliative Care-Pflegefachkraft, Diplom-Sozialpädagogin (FH)
  • 10 Jahre in Altenheimen tätig gewesen
  • mehrjährige Erfahrung als Leitung der Sozialen Betreuung in Altenheimen
  • derzeit Einsatzleitung im ambulanten Hospizdienst im Caritas-Zentrum Traunstein.

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